KASSEL. Viele Rollstuhlfahrer kennen das Problem. Gerade mühsam ins Auto umgestiegen, haben sie erhebliche Schwierigkeiten, den Rollstuhl in den Wagen zu bugsieren. Der Grund: Der Rollstuhl ist einfach zu schwer. Vor allem älteren Behinderten gelingt es oft kaum, das Hilfsmittel mit dem ausgestreckten Arm anzuheben. Schwer gelähmten Menschen fehlt manchmal sogar die Kraft, sich mit herkömmlichen Rollstühlen ohne fremde Hilfe auch nur ein Stück weit fortzubewegen.
Dr.-Ing. Marc Siebert vom Institut für Werkstofftechnik der Universität Kassel weiß seit Langem, dass dies nicht so sein muss. Schon vor Jahren baute der heute 36-Jährige, der in Immenhausen lebt, extrem leichte Rennräder sowie ein leichtes Handbike, also einen Sportrollstuhl mit Kurbelantrieb. Möglich wurde die Reduzierung des Gewichts, weil Siebert und sein Team einen besonderen Werkstoff verwendeten: Carbon. Der kohlenstofffaserverstärkte Kunststoff ist erheblich leichter als Metall und überdies sehr fest.
Auf der Grundlage seiner Erfahrungen mit Carbon hat Siebert nun auch einen Rollstuhl mit einem rekordverdächtig niedrigen Gewicht entwickelt: Gerade einmal 5,9 Kilogramm wiegt der Prototyp des "Modus", der dem Ingenieur im vergangenen Jahr den zweiten Preis im Gründungswettbewerb Promotion Nordhessen einbrachte. Zum Vergleich: Herkömmliche Standardrollstühle bringen es auf zehn bis 15 Kilogramm.
35 000 Euro hat die Entwicklung des Carbon-Rollstuhls gekostet, 10 000 Euro hat Siebert aus eigener Tasche beigesteuert. Bemerkenswert an dem neuen Rollstuhl ist nicht nur dessen geringes Gewicht, sondern auch die Art der Herstellung.
Das Gefährt wird nämlich individuell an seinen jeweiligen Nutzer angepasst. "Zunächst werden mit einer speziellen Software die Daten aufgenommen", sagt der drahtige Wissenschaftler und frühere Triathlet. Am Computer wird der Rollstuhl dann konstruiert.
Eine Fertigungsvorrichtung stellt nach diesen Vorgaben den Carbon-Rollstuhl her. Weil dieser quasi ein Einzelstück ist, braucht er nicht verstellt zu werden. Entsprechende Hebel sucht man denn auch vergeblich.
Das Interesse an dem leichten Rollstuhl ist groß. Siebert liegen nicht nur Anfragen aus Deutschland vor. Auch in Israel, den USA, den Niederlanden und Österreich will man mehr über die Neuentwicklung aus Kassel wissen, die Behinderten nach Überzeugung des Ingenieurs "ein selbstbestimmteres Leben ermöglicht". Rund 8000 Euro kostet das Modell "Modus". Die Krankenkassen zahlen laut Siebert nicht. Dabei würde sein Einsatz insgesamt Kosten sparen: etwa die für eine Pkw-Hebevorrichtung, weil der Behinderte den leichten Rollstuhl selbst ins Auto befördern kann. Zwischen 50 und 100 Exemplare, so das Ziel, wollen Siebert und seine Frau mit ihrer gemeinsamen Firma Spin in Edermünde jährlich bauen.
Um seine Forschungen weiterbetreiben zu können - jüngstes Projekt ist ein leichter Rollstuhl für Kinder - sucht Siebert Förderer aus der Industrie, zum Beispiel für eine Stiftungsprofessur.
Kontakt: Dr.-Ing. Marc Siebert, Telefonnummer 0561/804-3677, E-Mail: marc-siebert@uni-kassel.de
29.04.2007